Am Brunnen oder: Wo Gott uns erwartet
Es ist Mittag. Die Sonne steht hoch. Kein günstiger Zeitpunkt, um Wasser zu holen. Und doch geht sie. Eine Frau ohne Namen. Eine mit Geschichte. Eine, über die man redet.
Der Ort ist nicht zufällig: Sychar in Samarien. Für Juden ein religiös vermintes Gelände. Unrein. Fremd. Und doch steht dort der Jakobsbrunnen – verbunden mit dem Erzvater Israels. Heiliger Boden im falschen Gebiet. Oder: falsches Gebiet für heiligen Boden?
Jesus setzt sich an diesen Brunnen. Müde von der Reise. Durstig. Und er beginnt ein Gespräch. Er – ein jüdischer Mann. Sie – eine samaritanische Frau. Zwei Welten, die sich meiden. Zwei Traditionen, die sich misstrauen. Zwei Biographien, die sich nicht gesucht haben. Und doch sagt er nur: „Gib mir zu trinken.“ Gott ist nicht mehr ortsgebunden. Er ist personenbezogen. Wo Christus ist, da ist die Stunde.
Es ist eine Begegnung. Ohne Publikum. Ohne Jünger. Ohne Absicherung. Eine Frau, die gelernt hat, sich zu schützen, trifft auf einen Mann, der sie nicht festlegt. Jesus kennt ihre Geschichte – und reduziert sie nicht darauf. Er spricht sie nicht auf ihre Brüche an, um sie bloßzustellen, sondern um ihr Würde zurückzugeben. Er sieht sie. Ganz.
Die Frau begreift mehr, als sie selbst ahnt. Sie lässt ihren Wasserkrug stehen – das ist kein nebensächliches Detail. Sie lässt zurück, was sie hergeführt hat. Und wird selbst zur Botin. Eine mit Vergangenheit wird zur ersten Missionarin in Samarien.
Der Brunnen von Sychar ist damit mehr als eine historische Kulisse. Er ist ein Bild für unsere Gemeinden. Ein Ort, an dem Menschen mit Geschichte kommen. Mit Durst. Mit Fragen. Mit Brüchen. Und Christus wartet.
Vielleicht nicht im sakral gesicherten Raum. Vielleicht nicht dort, wo wir ihn vermuten. Sondern am Rand. Im Gespräch. In einer unerwarteten Bitte. „Gib mir zu trinken.“ Gott macht sich abhängig. Er bittet. Er beginnt unten. Und schenkt das, was bleibt: lebendiges Wasser.
Wo wir uns auf solche Begegnungen einlassen – jenseits von Vorurteilen, jenseits von Zuschreibungen –, da wird Kirche zu dem, was sie sein soll: Ort der Offenbarung. Nicht, weil wir alles wissen. Sondern weil er da ist. Und die Stunde? Sie kommt nicht erst. Sie ist schon da.
Ihr/Euer
Daniel Zele, Pastor
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Der Apostel Paulus schreibt von der Vielfalt der Gaben, die von dem einen Geist ausgehen und die kein Privatbesitz sind (s. 1 Kor 12,1-11). Wozu der Geist Gottes nicht alles bewegen kann! Jünger:innen führt er aus dem Rückzug in die Öffentlichkeit, aus der Sammlung in die Sendung.
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