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Liebfrauen-Überwasser

Neben dem Paulusdom ist die Liebfrauen-Überwasser Kirche die älteste Kirche der Stadt Münster. Grabungen haben ergeben, dass an diesem Ort schon in der 2. Hälfte des 9. Jahrhunderts wahrscheinlich eine kleine Kirche gestanden haben wird, da sich in unmittelbarer Nähe der heutigen Kirche Grabstellen aus dieser Zeit nachweisen lassen.

 

Überwasser

Die Vorstadt Überwasser, das „suburbium“ war vor jener Aafurt entstanden, an der die von Norden kommende Friesische Straße in das eigentliche Mimigernaford – so der älteste Name von Münster – eintrat. Noch über die endgültige Eingliederung in die Gesamtstadt um 1173/74 hinaus hat Überwasser ein gewisses kommunales Eigenleben mit Selbstverwaltung, Marktrecht und Schöffengerichtsbarkeit, einschließlich eines „Schandpfahls“, eines Prangers, geführt. Damit im Einklang stand auch der bischöfliche Entschluß, den dortigen Bewohnern eine eigene Pfarrkirche zu verschaffen, eben Liebfrauen-Überwasser.

Adelsstift

Das Gotteshaus wurde zusammen mit einem Konvent für adelige Damen als Stiftung Bischof Hermanns I. (1032 bis 1042) auf der linken Seite der münsterschen Aa unmittelbar unter dem Domhügel (vom Dom aus gesehen jenseits der Aa, d.h. „über dem Wasser“) gegründet. Die Weihe wurde am 29. Dezember 1040 auf den Titel der Geburt Mariens – ad Beatam Mariam Virginem sub Titulo Nativitatis – im Beisein König Heinrichs III. (1039 bis 1056) und zahlreicher Reichsfürsten sowie unter Assistenz von zwölf Bischöfen vollzogen. Das mit der Kirche verbundene Kanonissenstift diente als Versorgungs- und Bildungsstätte aristokratischer Damen, die Äbtissin musste bis 1460 hochadeliger Herkunft sein. Als dort das religiöse Leben erlahmte, versuchten die Bischöfe immer wieder, den Konvent in eine klösterliche Gemeinschaft zu überführen, hatten dabei aber nur begrenzte Erfolge. Im Jahr 1532 wurde die Äbtissin Ida von Merveldt durch das Stadtregiment gezwungen, Prädikanten der Lehre Luthers auch in Überwasser zuzulassen, wie es schon in anderen Pfarren der Stadt geschehen war. Bis auf wenige Ausnahmen trat fast der gesamte Konvent zu den Neuerern über. Doch das hinderte aufgebrachte Bürger nicht, am Tag vor Palmsonntag 1534 die Kirche zu stürmen. Altäre und Bildwerke wurden zerstört.

Wiedertäufer

Inzwischen war zudem die Lehre Luthers durch das sozial-revolutionäre Ideengut der aus dem Niederländischen gekommenen „Wiedertäufer“ verdrängt worden. Die Mehrzahl der Stiftsdamen hatte die „Taufe“ genommen. Da verkleideten sich die Äbtissin und zwei Schwestern als Mägde und flüchteten, Milchkannen mit den wichtigsten Dokumenten auf dem Kopf tragend, aus der Stadt. Kurz darauf schloss der Fürstbischof die Stadt ein. Bis zur Eroberung am 25. Juni 1535 steigerte sich das Schreckensregiment der „Täuferischen“. Die Turmspitze der Überwasserkirche wurde herabgestürzt, auf der so entstandenen Plattform wurden Geschütze aufgestellt. Die noch erhaltenen, überaus wertvollen gotischen Steinfiguren Mariens und der Apostel wurden vom Westportal gerissen und zur Verstärkung in die Stadtwälle eingestampft (1898 wieder ausgegraben, fanden sie im Landesmuseum eine neue Bleibe.)

Pfarrgemeinde

Als das längst wiederhergestellte Überwasserstift 1773 mit päpstlicher Billigung aufgehoben wurde, wohnten darin lediglich fünf Damen. Einkünfte und beträchtliche Liegenschaften des Stifts wurden zur Fundation des Priesterseminars und der neugegründeten Universität verwandt. Seit 1904 wurden mehrere neue Pfarren von Liebfrauen abgetrennt (u.a. 1905 Hl. Kreuz, 1908 Kinderhaus, 1936 Gievenbeck, 1939 Dreifaltigkeit, 1952 St. Theresia), die teilweise mittlerweile wieder zusammengeschlossen wurden.

Kirchenbau

Wie die 1040 so prunkvoll geweihte Stifts- und Pfarrkirche ausgesehen hat, wissen wir nicht mehr; jedoch darf man aus den überlieferten Notizen zur Weihe der Altäre schließen, dass der Urbau eine dreischiffige – selbstverständlich ungewölbte – Basilika mit westlichem Stiftschor war. Das erste Gotteshaus fiel bereits 1071 einem Brand zum Opfer Ein erweiterter Neubau scheint unverzüglich in Angriff genommen worden zu sein; denn zwischen 1085 und 1088 zählen die Quellen allein acht Weihedaten für Kapellen und Altäre auf. Ob dieser Bau eine Doppelturmgruppe besaß, für deren Teil die nördlich vom jetzigen Turm erhaltene Ludgeruskapelle früher gehalten wurde, ist durch die Ausgrabungen nicht bestätigt worden. Bei der Eroberung der Stadt von 1121 durch Sachsenherzog Lothar Supplingenburg (seit 1133 Kaiser Lothar III.) soll die Kirche sehr gelitten haben, aber Näheres ist nicht bekannt. Die jetzige gotische Hallenkirche wurde gemäß einer Inschrift über dem Westportal seit 1340 errichtet, und zwar durch die Kirchengemeinde. Die Bauzeit des wuchtigen Turmes zog sich von 1363 bis in den Beginn des 15. Jahrhunderts hin. Von der Zerstörungswut der Wiedertäufer war schon die Rede. Die nach 1535 neu errichtete Turmhaube wurde 1704 durch einen Orkan wiederum herabgeweht. Während des 2. Weltkriegs wurde das Gotteshaus, wie die gesamte Stadt, aufs Schwerste getroffen, blieb in der Substanz aber soweit erhalten, dass der Aufbau in der alten Gestalt möglich war. Bereits 1949 konnte wieder der erste Gottesdienst gefeiert werden.

Restaurierungen

Ab 1968 lief eine umfassende Innenrestaurierung (u.a. Ausmalung, neue Chorfenster). Seit 1972 besitzt die Überwasserkirche wieder eine Orgel, hergestellt von der Firma Romanus Seifert & Sohn in Kevelaer. Durch schriftliche Überlieferung wissen wir, dass dieses Werk das sechste an dieser Stelle ist; wahrscheinlich aber hatte die erste bezeugte Orgel – die von den Wiedertäufern um 1535 zerstört wurde – bereits mittelalterliche Vorgänger. Von 1976 bis 1983 wurde der Turm von außen gründlich restauriert. Auch der Ende der 70er Jahre festgestellten Senkung des Grundwasserspiegels, durch welche die austrocknenden Holzpfähle der Fundamente die Stabilität des Bauwerkes zu gefährden begannen, konnte durch technische Maßnahmen entgegengewirkt werden. 1980 bis 1982 wurden die Kirchenfundamente neu unterfangen. Bei den Wiederherstellungsarbeiten erhielt die Kirche einen neuen Fußboden und eine zusätzliche Fußbodenheizung im Mittelschiff. Die kleine Chororgel mit sechs Registern baute 1985 die Firma Oberlinger in Windesheim. Neue Schäden, die im Juli 1998 entdeckt wurden, machten es erforderlich, dass der Turm erneut eingerüstet und saniert wurde: Es war nur ein Stein, der sich aus dem Turm der Überwasserkirche gelöst hatte, doch dieser brachte die Aktion ins Rollen. Anfang November 1998 wurde der Turm (Gesamthöhe 64,50 m) spektakulär eingerüstet. Man traf erste Absperrmaßnahmen, um Passanten vor dem Steinschlag zu schützen. Von den 3.300 m? Gesamtfläche des Turmes sind schätzungsweise 1.400 m? überprüft worden mit dem Ergebnis, dass rund 1 km Fugen erneuert werden mussten. Lose Steinschichten und Krusten mussten von 300 m? Wandfläche abgenommen werden. Große Sandsteinflächen standen auf der Liste der Restaurierungsmaßnahmen ebenso die Erneuerung von Blattgesims, Kreuzrippe und Kapitell. Sorgen bereiteten dem Fachmann auch die vielen freistehenden Pfeiler (Fialen). Mindestens acht der über 2 m hohen schlanken und reich verzierten Fialen waren vollkommen lose und drohten abzustürzen. Das heutige Erscheinungsbild der Überwasserkirche sollte durch diese und die folgende  Restaurierung auf keinen Fall verändert werden. Von 2014 bis 2018 wurde die Überwasserkirche nochmals von Grund auf saniert. Der Sanierung der Außenfassade und des Chorraumes folgte 2016 die grundlegende Innensanierung, bei der sämtliche elektrischen Anlagen erneuert und ausgetauscht wurde und die Kirche ein freundliches, helles neues Farbkonzept bekommen hat. Nach der erneuten Sanierung des Kirchturmes ist die Renovierung der Kirche seit November 2018 für die nächsten Jahre abgeschlossen.

 

Schnell, Kunstführer Nr. 1692 von 1988 | 3.verbesserte Auflage 1994 | Verlag Schnell & Steiner GmbH Regensburg
Dieser „Kirchenführer“ ist über das Pfarrbüro erhältlich. Ein neuer Kirchenführer wird demnächst erscheinen.